| Bekanntlich sollte alles im richtigen Rahmen stattfinden. Gleichzeitig ist nichts interessanter, als den Rahmen des Üblichen zu verlassen. Dass beides zugleich möglich ist, zeigen ab dem 6. Mai 2009 die Neuen Werkstätten und Werner Murrer Rahmen in einer neuen Ausstellung am Promenadeplatz. Zu einführenden Worten der Kunsthistorikern und Publizistin Dr. Eva Mendgen werden schwarze Originalrahmen aus vier Jahrhunderten präsentiert. Keiner ist so wie der andere, alle sind meisterhaft und alle sind leer – bis auf einen: Für ihn hat der Künstler Thomas Bechinger eigens ein Bild gemalt. Ein Werk, das aus dem Rahmen fällt, indem es in ihn hineinfindet.
Seinen besonderen Reiz bezieht das außergewöhnliche Experiment aus der Zusammenarbeit des renommierten Künstlers mit einem Rahmenspezialisten, der international als ein unbestrittener Meister seines Fachs gilt: Werner Murrer. Junge Akademie-Studenten und internationale Museumsstars lassen sich von ihm beraten. Große Münchner Unternehmen und Museen und Galerien aus der ganzen Welt nehmen für ihre Sammlungen seine Dienste in Anspruch. Im Dezember letzten Jahres etwa kamen Anfragen vom Munch Museum in Oslo und von Museen aus den USA: Es ging um die Rahmung von Gemälden von Max Beckmann, Oskar Kokoschka und Emil Nolde. Doch auch Privatsammler und Kunden, die ihre Kunstwerke stilvoll in ihre Wohnung integrieren wollen, wenden sich an den Münchner Experten.
Dieses große Interesse kommt nicht von ungefähr. Restaurierung, Neubau und Nachbau von Rahmen stellen handwerkliche, ästhetische, konservatorische Anforderungen, die im Einzelfall außerordentlich vielschichtig sein können. Mit seiner Rahmenwerkstätte hat Werner Murrer im Laufe der Jahre einzigartige Voraussetzungen dafür geschaffen, um solche Anforderungen in ihrer ganzen Komplexität meistern zu können. Grundlegend ist zunächst eine Verbindung von großem handwerklichem Können mit umfassendem kunstgeschichtlichem Wissen. Über die Jahrhunderte und Ländergrenzen hinweg kennt Werner Murrer die epochen- und stiltypische Machart von Rahmen bis in die unmittelbare Gegenwart hinein: „Ich komme sicher von der Kunst", sagt Murrer. „Das macht mir am meisten Spaß in meiner Herangehensweise an den Rahmen." Meist weiß er intuitiv, welcher Rahmen für welchen Maler in Frage kommt.
Sehr wichtig ist die Zusammenarbeit mit Gegenwartskünstlern, deren Kreationen auch die Entwicklung der Rahmengestaltung vorantreiben. Mit großformatigen Fotografien zum Beispiel tauchen spezielle Anforderungen auf. Um diese Kunstwerke mit einer großen Glasscheibe schützen zu können, muss der Rahmen sehr stabil sein. Fertige Industrieleisten dafür gibt es nicht. Also müssen die Profile einzeln gefertigt werden. Sofort stellt sich das nächste Problem: Ein stabiler Rahmen mit Schutzglas wiegt schnell einmal 100 Kilo. „Es gibt keine handelsüblichen Aufhängungen, die so schwere Bilder halten können", sagt Werner Murrer. Und was tun, wenn das Foto ausgerechnet an einer fragilen Rigips-Wand hängen soll? In vielen Fällen erstreckt sich also die Rahmengestaltung bis hin zur fachgerechten Lieferung und Installation im jeweiligen Raum.
Ausgehend von solchen komplexem Aufgabenstellungen hat Werner Murrer ein Werkstatt-Konzept entwickelt, das Seltenheitswert hat: Vom Schreiner über den Glaser, den Holzbildhauer, den Vergolder, den Buchbinder und den Architekten bis hin zum Kunsthistoriker und Künstler sind 10 Gewerke unter einem Dach versammelt. Schon bei scheinbaren Standardaufgaben ist es notwendig, dass Spezialkompetenzen auf kurzem Weg abrufbar sind: „Das schlichte Ölbild, das ein bisschen aus dem Winkel ist, kann man nicht einfach ausmessen, das muss man ausprobieren. Da tastet man sich Millimeter für Millimeter heran und das kann man nur, wenn man eine Schreinerei im Haus hat, um auszuprobieren, wie das Bild optimal reinpasst. Oder denken Sie etwa an den Vergolder: Er kann eine aufwendige Oberfläche nur realisieren, wenn der Schreiner den passenden Untergrund dafür bereit stellt", sagt Werner Murrer. „Oft sitzen wir zu fünft zusammen, um ein Rahmenproblem zu lösen." Es ist dieser intensive Austausch zwischen Fachkräften aus den verschiedensten Bereichen, der das hohe Qualitätsniveau der Rahmenwerkstätte Werner Murrers begründet und ihr zu weltweitem Ansehen verholfen hat.
Kein Wunder also, dass sich in dem unerschöpflichen Fundus der Werkstätte ein Rahmen fand, der auch einen meist rahmenlos malenden Künstler wie Thomas Bechinger dazu inspirierte, einmal „andersherum zu arbeiten" und ein Bild eigens für einen Rahmen zu malen. Das mit spontaner Sympathie ausgewählte Meisterwerk entpuppte sich als Überlebender aus dem 16. Jahrhundert und als Lieblingsrahmen Werner Murrers. In einem längeren Überlegens- und Schaffensprozess malte Thomas Bechinger auf dem Boden zwei Versionen, die er immer wieder in den Rahmen einsetzte und miteinander verglich.
Die Malerei reagiert auf Materialität des alten Meisterwerks, sein Schwarz, seine Holzwurmlöcher und antwortet mit einem anderen Schwarz, mit erzhaltigen blinkenden Farben, mit Eisenglimmer und Magnetit. In der gelungenen Version nimmt der Rahmen mit seiner fassenden Funktion schließlich den Randbereich zurück, der in den rahmenlosen Bildern Thomas Bechingers sonst „sehr aufgeladen, sehr empfindlich" ist. Für die Kunsthistorikerin Eva Mendgen realisiert das Experiment eine „perfekte Symbiose von Geschichte, Kunst und Handwerk – passend zum traditionsreichen Ort, München." Mit der Ausstellung „Im richtigen Rahmen" setzen die Neuen Werkstätten ihre Veranstaltungsreihe zur „Wohnkultur" fort.
Neue Werkstätten Gesellschaft für Planung und Einrichtung mbH
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