Die erste „Blaue Reiter“ Ausstellung bei Thannhauser – Reproduktionen in originalgetreuen Rahmen

Franz Marc - Die großen blauen Pferde


Am 18. Dezember 1911 betrat der „Blaue Reiter“ mit seiner ersten Ausstellung in der „Modernen Galerie“ von Heinrich Thannhauser in München die öffentliche Kunstszene. Wassily Kandinsky und Franz Marc hatten nur zwei Wochen Zeit, um die Ausstellung ihrer neu gegründeten Künstlergruppierung zu organisieren und sie in den Galerieräumen in der 3. Etage des Arco-Palais in der Theatinerstraße 7 zu präsentieren. In eben diesem Gebäude befindet sich heute die auf gewerblichen Rechtsschutz spezialisierte Anwaltskanzlei HOYNG ROKH MONEGIER. Der kunsthistorischen Bedeutung dieser Örtlichkeit bewusst, ließ die Rechtsanwaltskanzlei nun Gemälde der ersten „Blauen Reiter“ Ausstellung in aufwendig fotografischen Reproduktionen rekonstruieren. Für eine möglichst authentische Wirkung wurden die Fotodrucke von WERNER MURRER RAHMEN originalgetreu, wie sie in der Ausstellung vor über 100 Jahren zu sehen waren, gerahmt.

Originalaufnahmen der ersten „Blauen Reiter“ Ausstellung in der „Modernen Galerie“ von Heinrich Thannhauser im Arco-Palais in München im Dezember 1911 sind hier zu sehen.*

„Wichtiges: Wir haben für I. Ausstellung der Redaktion der Blaue Reiter zwei Säle bei Thannhauser für 18. Dez. – 1. Jan. abgeschlossen. 1 Schicke nun unbedingt ein großes und ein bis zwei kleine Bilder (…) Schön wäre es, wenn Du als Rahmen einfaches Holz nehmen würdest und bunt bemalen im Sinne bemalter alter Glasbildrahmen etc. Wir planen diese Idee in der Ausstellung zu lancieren. Aber natürlich nur, wenn es nach Deinem Sinne ist. Also nun geht’s los.“2
Diese Zeilen schreibt Franz Marc in Vorbereitung auf die Ausstellung am 7. Dezember 1911 an den befreundeten Künstler August Macke und zeigt damit, dass die Rahmung der Werke für die Künstler selbst keine Nebensache war, sondern genauen Vorstellungen unterlag. Die fotografische Dokumentation der ersten „Blauen Reiter“ Ausstellung von Gabriele Münter, die dort selbst mit einigen Arbeiten vertreten war, gibt einen Eindruck von den räumlichen Beschaffenheiten, den präsentierten Werken in den dazugehörigen Rahmen und ihrer Hängung wieder. Aufgrund dieser Aufnahmen und des fachlichen Wissens von WERNER MURRER RAHMEN über die historischen Rahmungen der Werke des „Blauen Reiter“ und seinem Umfeld ist eine Rekonstruktion der Bilder in den entsprechenden Rahmen möglich.

Für die Fotodrucke, die nun die Büroräume der Rechtsanwaltskanzlei HOYNG ROKH MONEGIER schmücken, wurden von Franz Marc „Die großen Blauen Pferde (1911)“ und „Die gelbe Kuh (1911)“, von Gabriele Münter das Gemälde „Reiflandschaft (1911)“ sowie von Robert Delaunay „St. Séverin No. 1 (1909)“ und „La ville No. 2 (1910)“ ausgewählt. Die beiden Bilder von Franz Marc sind in hellen holzsichtigen Halbrundstabprofilen gerahmt. Franz Marc verwendete für seine Gemälde häufig das Halbrundstabprofil, wie es auf der originalen Aufnahme in der Galerie Thannhauser, die „Die gelbe Kuh“ zeigt, zu sehen ist.
Auf einer Fotografie von Herwarth Waldens3 Wohnzimmer aus dem Jahr 1916 sind über dem Schreibtisch sowohl Franz Marcs „Gelbe Kuh“ als auch sein Gemälde „Schafe (1912)“ im originalen Halbrundstabrahmen dokumentiert. Als Vorlage, mitunter für „Die großen Blauen Pferde“, diente auch Marcs Gemälde „Der Turm der Blauen Pferde“ von 1913. Eine historische Aufnahme aus der Ausstellung „Entartete Kunst“ (Arkaden des Münchner Hofgartens, 1937) zeigt das Bild, dessen Verbleib bis heute unbekannt ist, original gerahmt im braunen Halbrundstab.

Eine Variante des Halbrundstabprofils, hellbraun gebeizt, findet sich des Weiteren bei einem kleinformatigen Hinterglasbild Marcs, das um 1911 entstanden ist und die Idee des Hinterglasbildrahmens aus obigem Zitat aufgreift.

Hinterglasbild Franz Marc Schloßmuseum Murnau







Hinterglasbild Franz Marc:
„Innenraum mit Mann und Frau in altdeutscher Tracht“
© PSM Privatstiftung Schloßmuseum Murnau


Für Gabriele Münters „Reiflandschaft“ wurde nach dem Originalfoto ein Rahmen mit abgeflachtem Viertelrundstab und abgeschrägter Stufe in patinierter Silberfassung angefertigt. Dieser Rahmentypus tritt bei Gemälden Münters um 1910 häufiger auf und stellt ein für diese Zeit charakteristisches Rahmenprofil für Münter dar.

Als besonders interessant stellten sich die Rahmungen der beiden Gemälde des damals in Paris lebenden Künstlers Robert Delaunay heraus. „St. Séverin No. 1“ und „La ville No. 2“ zeigen eine sehr frühe Form von Randleisten, wie sie von Paul Klee ab den 1920er und von Wassily Kandinsky erst in den 1930er Jahren verwendet wurden. Die Leisten haben eine einfache gebeizte oder farblich gestaltete Oberfläche. Delaunay ist damit in den Jahren um 1910 ein Vorreiter für diese schlichte Rahmenform.

GMJE 2908Ausstellung 2 - Die erste "Blaue Reiter" Ausstellung bei Thannhauser - Reproduktionen in originalgetreuen Rahmen
Delaunay’s „St. Séverin No. 1“ in originalen Randleisten

Als Heinrich Thannhauser im November 1909 die „Moderne Galerie“ im Arco-Palais eröffnete, schuf er damit eine wichtige Ausstellungsplattform für die europäische Avantgarde4 und dies unabhängig von seinem persönlichen Geschmack5. Insbesondere für den „Blauen Reiter“ spielte die Galerie Thannhauser in vielerlei Hinsicht eine wichtige Rolle. Die Künstlergruppierung stellte dort nicht nur zum ersten Mal aus, die Galerie war im Vorfeld bereits für ihre Entstehung wegweisend und von großer Bedeutung. Von 1. bis 15. Dezember 1909, kurz nach der Galerieeröffnung, fand bei Thannhauser die erste Ausstellung der Neuen Künstlervereinigung München (NKVM) statt, im Jahr darauf, von 1. bis 14. September 1910 die zweite. Zu dieser Vereinigung schlossen sich in München tätige, avantgardistische Künstler wie Wassily Kandinsky, Alexej Jawlensky, Marianne von Werefkin, Alexander Kanoldt und Adolf Erbslöh zusammen. Vor allem die zweite Ausstellung der NKVM erntete grobe Kritik. Einer der wenigen Befürworter der gezeigten Kunst und damit auch der Ausstellung war Franz Marc, der sich an Thannhauser mit der Bitte wandte, ihn mit Kandinsky bekannt zu machen, worauf Marc Mitglied der NKVM wurde.6 Als sich im Laufe der Zeit innerhalb der Künstlervereinigung Unstimmigkeiten und Streitereien über Ausstellungskonzepte und künstlerische Inhalte häuften, traten Kandinsky und Marc am 2. Dezember 1911 aus und gründeten die Redaktion „Der Blaue Reiter“.7 Paradoxerweise fand die erste „Blaue Reiter“ Ausstellung parallel zur 3. Ausstellung der NKVM ebenfalls in den Galerieräumen bei Thannhauser statt, wodurch sich dem Besucher die Möglichkeit bot, „in einem Durchgehen die Avantgarde der Avantgarde zu betrachten.“8
Als Ausstellungsfläche hatte Thannhauser den 250 qm großen Lichthof im Erdgeschoss des Arco-Palais, der sich heute nicht mehr erhalten hat, sowie neun Räume in der 3. Etage zur Verfügung. In diesen Räumlichkeiten, die Kandinsky als die „vielleicht schönsten Ausstellungsräume in ganz München“9 bezeichnete, war es möglich, mehrere Ausstellungen gleichzeitig der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Im Anschluss an die Moderne Galerie Thannhauser war die erste „Blaue Reiter“ Ausstellung im Januar/Februar 1912 zunächst in Köln im Gereonsklub zu sehen, im März diente sie dann als Eröffnungsausstellung für Herwarth Waldens neue Galerie „Der Sturm“ in Berlin.

Durch das Projekt der Gemälde- und Rahmenrekonstruktionen, wird zum einen die Bedeutung der Galerie Thannhauser für die Münchner Kunstszene in Erinnerung gerufen und zum anderen die Bedeutung des Rahmens für ein Bild.

Münchner Frauentürme







Heute wie auch vor 100 Jahren:
Der Blick vom Arco-Palais auf die Münchner Frauentürme


Marianne Saal, Kunsthistorikerin M. A.




* Aufgrund bildrechtlicher Regelungen können wir einige historische Fotos leider nicht auf Dauer in unserem Blog bereitstellen, daher verweisen wir hier auf den Blog der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München.
1 Die Ausstellung fand offiziell vom 18. Dezember 1911 bis zum 3. Januar 1912 statt. Vgl. Lüttichau, Mario-Andreas von: Der Blaue Reiter in der Modernen Galerie Heinrich Thannhauser, in: Der Blaue Reiter und das neue Bild. Von der „Neuen Künstlervereinigung“ zum Blauen Reiter“, hg. von Annegret Hoberg und Helmut Friedel, München 1999, S. 320.
2 Franz Marc an August Macke am 7. Dezember 1911, in: Briefwechsel: August Macke – Franz Marc, Lisbeth Macke – Maria Marc, 1910 bis 1914; Franz Marc – Lisbeth Macke, 3.8.1914 bis 5.2.1916; Lisbeth Macke – Maria Marc, 6.8.1914 bis 14.3.1916, Köln 1964, S. 86 ff.
3 Herwarth Walden war der Gründer der Galerie „Sturm“, die im März 1912 in Berlin eröffnet wurde.
4 Vgl.: Koldehoff, Stefan und Chris Szolwijk (Hrsg.): Die Galerie Thannhauser. Van Gogh wird zur Marke, Stuttgart 2017, S. 20-22 und Bilski, Emily D.: Die „Moderne Galerie“ von Heinrich Thannhauser, München 2008, S. 13-14 und 25-27. Letztere Angabe betrifft die Futuristenausstellung 1912, die neben Paris, London und Berlin auch in München bei Thannhauser gezeigt wurde.
5 Vgl.: Bilski, Emily D.: Heinrich Thannhauser als Münchner Kunstmäzen und Kulturförderer, in: Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste (Hrsg.): Sammeln. Stiften. Fördern. Jüdische Mäzene in der deutschen Gesellschaft, Bd. 6, Köthen 2008, S. 243.
6 Vgl.: Lankheit, Klaus: Der Blaue Reiter. Dokumentarische Neuausgabe, München 1979, S. 255-256.
7 Vgl.: ebd. S. 256 ff. Zum Begriff Redaktion: „Der Blaue Reiter“ gründete sich zunächst aus der Idee, einen Almanach, eine Art Jahrbuch zu verfassen, der für die künstlerische Ausdrucksweise maßgebend und richtungsweisend sein sollte. Daher sprechen Marc und Kandinsky von der Redaktion „Der Blaue Reiter“ und nicht von einer Künstlergruppe, vgl.: hierzu: ebd. S. 257-258.
8 Lüttichau, Mario-Andreas von: Die Moderne Galerie von Heinrich Thannhauser in München, in: Junge, Henrike (Hrsg.): Avantgarde und Publikum, Köln 1992, S. 303.
9 Wassily Kandinsky zit. nach: Bilski 2008, S. 17.