WIEDERENTDECKT – Zwei originale Rahmen von Schmidt-Rottluff

Entdeckungen im Buchheim Museum in Bernried und in der Kunstsammlung Lausitz

Bei dem Bretter- Rundstabrahmen um Schmidt-Rottluffs „Heimkehrende Boote“ und dem geschnitzten Rahmen um „Bischofswerda im Winter“ von Theodor Rosenhauer handelt es sich um originale Künstlerrahmen von Karl Schmidt-Rottluff. Beide Rahmen wurden in Verbindung mit den Ausstellungen „UNZERTRENNLICH. Rahmen und Bilder der Brücke-Künstler“ im Brücke-Museum in Berlin bzw. „WIEDERENTDECKT. Rahmen und Bilder der Brücke-Künstler“ im Buchheim Museum in Bernried ausfindig gemacht – Ersterer in Ausstellungsvorbereitung, der Zweite als positive Resonanz darauf.

Karl Schmidt-Rottluff, „Heimkehrende Boote“

Schmidt-Rottluff "Heimkehrende Boote" Detail

Schmidt-Rottluffs Gemälde „Heimkehrende Boote“ von 1921 ist hier in seinem originalen Rahmen zu sehen. Diese Einheit von Bild und Rahmen besteht jedoch erst seit Kurzem wieder. Sie ist das erfreuliche Ergebnis einer Entdeckung während der Vorbereitungs- und Recherchearbeiten zur Ausstellung „WIEDERENTDECKT. Rahmen und Bilder der Brücke-Künstler“ im Buchheim Museum in Bernried, in der das Werk auch hätte präsentiert werden sollen. Da diese Ausstellung aufgrund der Folgen von Corona leider nicht stattfinden konnte, werden die „Heimkehrenden Boote“ nun original gerahmt zum ersten Mal in der Neuinstallation des Expressionistensaals zum Thema Beckmann & Brücke vom 18.7.–11.10.2020 im Buchheim Museum zu sehen sein. Die Geschichte dazu finden Sie hier:

"Portrait Ernst Penzoldt" im originalen Schmidt-Rottluff Rahmen
Lothar-Günther Buchheim, „Portrait Ernst Penzoldt“, um 1942, Öl auf Leinwand im angepassten Originalrahmen von Karl Schmidt-Rottluff, Buchheim Museum der Phantasie, © Buchheim Stiftung, Bernried

Bei der Besichtigung des Gemäldedepots im Buchheim Museum anlässlich der Filmaufnahmen zur Ausstellung fiel Kurator Werner Murrer ein Portrait des Schriftstellers und Künstlers Ernst Penzoldt auf oder genauer gesagt der Rahmen, in dem sich das Bild befand. Konstruktion und Fassung des Rahmens sprachen für sich. Das Gemälde, das Lothar-Günther Buchheim um 1942 gemalt hat, war von einem originalen Schmidt-Rottluff Rahmen umgeben – ein Bretterrahmen mit innen zum Bild hin aufgesetztem Halbrundstab. Diese Rahmenform ist für Schmidt-Rottluff typisch, wobei sowohl die Rahmenplatte als auch die Halbrundstableiste in ihren Proportionen variieren können. Bei der Fassung handelt es sich um eine locker aufgetragene Goldbronze auf schwarzem Untergrund.
Das Penzoldt-Portrait und der Rahmen waren offenbar keine originäre Einheit. Ein Blick auf die Rückseite verriet, dass der Rahmen verändert, beziehungsweise gekürzt wurde. Ein Indiz dafür, dass er wohl ursprünglich für ein anderes Gemälde gedacht war. Doch welches Bild passt zum originalen Rahmen und wo befindet sich dieses? Handelt es sich dabei sogar um ein Gemälde Schmidt-Rottluffs aus der Sammlung Buchheim? Bei diesen Fragen spielten zwei Kriterien eine entscheidende Rolle – die Maße des Bildes und seine Datierung. Da Schmidt-Rottluff die Kombination von Bretter- und Rundstabrahmen hauptsächlich in den 1920er-Jahren verwendete, kamen aus der Sammlung Buchheim nur drei Gemälde des Künstlers in Frage. Von der Breite passten die „Heimkehrenden Boote“ von 1921. Doch in der Höhe war der Rahmen für dieses Bild um vier Zentimeter zu klein. Die Kürzung des originalen Rahmens könnte somit auf dieses Bild als ursprünglich zum Rahmen gehörendes Gemälde hinweisen.

Die „Heimkehrenden Boote“ waren im Buchheim Museum von einem Plattenrahmen mit dunkelbrauner Farbfassung und goldbronzefarbener Lichtkante umgeben.

Schmidt-Rottluff "Heimkehrende Boote"
Karl Schmidt-Rottluff, „Heimkehrenden Boote“, im Interimsrahmen, Buchheim Museum der Phantasie, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Eine historische Installationsansicht aus dem Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) lieferte schließlich den Beweis dafür, dass der Rahmen um das Portrait von Ernst Penzoldt und Schmidt-Rottluffs „Heimkehrende Boote“ die originale Einheit bildeten. Die Fotografie zeigt einen Blick in die Sammlungspräsentation im Kuppelsaal der Moritzburg Halle, die der Direktor des Kunstmuseums Gerhard Händler 1948 als ständige Ausstellung eingerichtet hatte. Schmidt-Rottluffs Gemälde „Heimkehrende Boote“ ist dort im Bretter- Rundstabrahmen zu sehen. Es war damals als Leihgabe des Hallenser Pumpenfabrikanten und Sammlers Felix Weise in die Moritzburg gekommen. (1) Die eingedrückte Rahmenecke unten links, die auf der historischen Fotografie zu sehen ist, ist auch heute noch vorhanden. Auf der Rahmenrückseite befindet sich darüber hinaus die Beschriftung „Museum Halle“.

Ausstellungsansicht Moritzburg Halle (Saale) mit Gemälden von Schmidt-Rottluff im originalen Rahmen
An der langen Wand mittig ist Schmidt-Rottluffs Gemälde „Heimkehrende Boote“ von 1921 im originalen Rahmen zu sehen, rechts außen das Gemälde von Max Pechstein „Zurückgekehrte Kähne (Heimkehr der Boote)“ 1919. Aufnahme von 1948 im Kunstmuseum Moritzburg Halle, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), © VG Bild-Kunst, Bonn 2020 sowie © Pechstein Hamburg/Tökendorf /VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Nachdem das Bild zweifelsfrei dem Rahmen zugeordnet werden konnte, entschied man sich für eine Verlängerung der Rahmenleisten in der Höhe, um das Gemälde wieder einsetzen zu können. Die fehlenden Leistenstücke wurden am Rahmen ergänzt und passend mit Goldbronze auf schwarzer Untermalung gefasst. Dabei sollte die Fuge bewusst sichtbar bleiben, um die Ergänzung erkennbar zu lassen.

Die „Heimkehrenden Boote“ gehören zu einer Werkgruppe Schmidt-Rottluffs, die ab 1920 in Jershöft, einem Fischerdorf an der pommerschen Ostseeküste, entstanden sind. Schmidt-Rottluff verbrachte dort fast regelmäßig die Sommer- und Herbstmonate. Der Künstler brachte auf diesen Gemälden das Leben auf dem Land und in der Natur auf die Leinwand, Szenen mit Fischern und Bauern sowie Motive aus dem bäuerlichen Leben sind überwiegend Thema. Neben den „Heimkehrenden Booten“ malte Schmidt-Rottluff u. a. die Bilder „Heuernte“ und „Bauer mit Kühen“, beide mit der Datierung 1921 und auch diese Gemälde sind mit einem Bretter- Rundstabrahmen versehen.

Die Trennung der „Heimkehrenden Boote“ von ihrem Rahmen könnte bereits bei Erwerb des Bildes erfolgt sein. (2) Buchheim übernahm dieses Gemälde und weitere Werke aus der Sammlung Felix Weise im Oktober 1950 und überführte es im Privatauto von Halle in die Bundesrepublik. Aus einer Schilderung von Buchheims Frau Diethild von 1987 ist bekannt, dass Buchheim viele Gemälde ungerahmt transportierte, um die illegale Ausfuhr aus der DDR besser vor den Grenzkontrollen verschleiern zu können. Der Rahmen könnte also unabhängig vom Bild entweder gleichzeitig oder bei einem späteren Besuch transportiert worden sein, doch ist für die anderen Gemälde aus der Sammlung Weise, die in die Sammlung Buchheim gelangten, keiner der auf Fotografien aus dem Haus Weise überlieferten Rahmen heute im Buchheim Museum.

Theodor Rosenhauer (1901-1996), „Bischofswerda im Winter“

Um eine ähnliche Thematik handelt es sich bei dem Gemälde des Dresdener Künstlers Theodor Rosenhauer „Bischofswerda im Winter“, 1950/68, aus der Kunstsammlung Lausitz. Das Bild ist von einem geschnitzten Schmidt-Rottluff Rahmen umgeben – noch präziser von einem Bretterrahmen mit zum Bild hin umlaufender, gekerbter Linie.

Der Hinweis über die Existenz des Rahmens kam von einem aufmerksamen Leser der Weltkunst, in der über die Ausstellungen im Brücke-Museum in Berlin und im Buchheim Museum in Bernried sowie den dazu erschienenen Katalog „UNZERTRENNLICH. Rahmen und Bilder der Brücke-Künstler“ berichtet wurde (Alexandra González: Fest verbunden, Weltkunst, Ausgabe Nr. 172, Juni 2020). (3)
Diese Art Schnitzrahmen fertigte Schmidt-Rottluff hauptsächlich zwischen 1912 und 1914 an. In diesem Fall ließ der Künstler die gekerbte Linie holzsichtig stehen, die schmale gerade Fläche, die sich dadurch innen an der Rahmenleiste ergab, ist mit Goldbronze auf rotem Untergrund gestrichen, die übrige breite Fläche ist schwarz gefasst.
Das Gemälde „Bischofswerda im Winter“ wurde 1999 bereits gerahmt von der Kunstsammlung Lausitz aus dem Nachlass Rosenhauer erworben. Ob Rosenhauer sein Bild selbst mit dem Schmidt-Rottluff Rahmen versah und wie dieser gegebenenfalls in Besitz Rosenhauers gekommen ist, ist leider nicht bekannt und unklar. Da Rosenhauer jedoch sehr viel Wert auf Rahmen legte und sie als Teil seiner Bilder sah (4), ist die Vermutung nicht abwegig, dass der Dresdener Künstler den Schmidt-Rottluff Rahmen für „Bischofswerda im Winter“ selbst wählte. Das Motiv harmoniert farblich mit der Rahmenfassung, darüber hinaus entspricht der Rahmen grundsätzlich Rosenhauers Vorliebe hinsichtlich der Rahmengestaltung: „Sehr wichtig waren ihm die dunklen, oft tiefschwarzen und breiten Rahmen, die er sich vom Tischler anfertigen ließ und im Farbton dem Bilde anpaßte. Das helle Motiv auf dunklen Grund gesetzt, tritt in der noch dunkleren Umrahmung um so (sic) kräftiger hervor und erfährt durch sie eine doppelte Steigerung.“ (5) Ebenso ergibt die für Rosenhauer typische matte und nicht mit Firnis behandelte Malschicht ein stimmiges Gesamtbild mit der groben, nicht glänzenden Oberfläche des Rahmens.
Rosenhauer selbst zeigte Bewunderung für die Künstlergruppe BRÜCKE, die sich 1905 in Dresden gründete, auch wenn er für sich einen anderen Malstil wählte. (6) Der Schmidt-Rottluff-Rahmen mit dem Bild von Rosenhauer gibt noch einige Rätsel auf, so ist beispielsweise noch nicht geklärt, welches Bild Schmidt-Rottluffs sich ursprünglich in dem Rahmen befand. Der Rahmen ist rückseitig mit „Schmidt-Rottluff“ und „Frauen unter dem Blütenbusch“ beschriftet, jedoch ist unter Schmidt-Rottluffs Werken kein Gemälde mit exakt diesem Titel verzeichnet. (7) Mit der Dresdener Galerie Arnold sowie dem Kunstsalon Emil Richter in Dresden, Kunsträume, in denen die Brücke-Künstler ausstellten und Werke von ihnen verkauft wurden, war auch Theodor Rosenhauer in Kontakt. (8) Ob hier der Zusammenhang zwischen Schmidt-Rottluffs Rahmen und dem Gemälde von Rosenhauer zu finden ist, ist zu diesem Zeitpunkt noch offen.

Theodor Rosenhauer, "Kind auf gelbem Stuhl", Galerie Neue Meister Dresden.
Theodor Rosenhauer, „Kind auf gelbem Stuhl“, 1948, Öl auf Leinwand, Galerie Neue Meister Dresden,
© VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Sicher ist jedoch Rosenhauers besonderes Augenmerk auf Rahmen sowie ihre farbliche Abstimmung auf die sich darin befindenden Bilder – als Beispiel hier das Gemälde „Kind auf gelbem Stuhl“ von 1948 aus der Galerie Neue Meister Dresden. Das Bild in den vom Künstler bevorzugten Erd- und Grautönen umgibt ein braun gefasster Rahmen mit ockerfarbener Leiste im Lichtbereich. Der Rahmen vermittelt zum Bild und es ergibt sich eine harmonische Gesamtwirkung. „Theodor Rosenhauer bettete seine Gemälde in wohlabgestimmte dunkle Rahmen. Sie sind wichtiger Bestandteil seiner Gemälde. Es ist für ihn stets ein besonderes Ärgernis, wenn Galerien sich an ihnen vergreifen, sie farbig ändern oder auch gleich durch andere ersetzen. Ähnlich steht es mit dem Auftragen neuen Firnisses auf den matten Glanz seiner Bilder“ (9), so der Dresdener Kunsthistoriker Fritz Löffler (1899–1988), der Rosenhauer persönlich kannte.

Marianne Saal, Kunsthistorikerin M. A.








1 Herzlichen Dank an Daniel J. Schreiber, Direktor, und Rajka Knipper, Sammlungsleiterin des Buchheim Museums, für die Information zum Bild, die dem bisher unveröffentlichten Ausstellungstext von Herrn Schreiber entnommen ist.
2 Die Informationen in folgendem Abschnitt stammen ebenfalls von Daniel J. Schreiber, Direktor, und Rajka Knipper, Sammlungsleiterin des Buchheim Museums und sind dem bisher unveröffentlichten Ausstellungstext von Herrn Schreiber entnommen.
3 Herzlichen Dank an Martin Baumgart, ehemaliger Mitarbeiter der Kunstsammlung Lausitz für den freundlichen Hinweis über den Standort des Werks. Herzlichen Dank auch an Bernd Gork, Betreuer der Kunstsammlung Lausitz für die Informationen zu Bild und Rahmen.
4 Vgl. Löffler, Fritz: Theodor Rosenhauer, in: Dresdener Kunstblätter, Staatliche Kunstsammlung Dresden (Hrsg.), 32. Jahrgang, Heft 2, Dresden 1988, S. 59.
5 Werner, Gabriele: Theodor Rosenhauer in der Gemäldegalerie Neue Meister Dresden, Ulrich Bischoff (Hrsg.), Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Amsterdam/Dresden 1997, S. 16.
6 Vgl. ebd., S. 8.
7 Herzlichen Dank an Christiane Remm von der Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung für die Information.
8 Herzlichen Dank an Bernd Gork für den Hinweis.
9 Löffler, in: Dresdener Kunstblätter 1988, S. 59.