Publikation
01.03.2009

DER WEG ZUM NEUEN ALTEN RAHMEN

Mit der erfreulichen Anfrage des Kirchner Museum Davos wurden wir, die Firma WERNER MURRER RAHMEN, vor die Aufgabe gestellt, das Gemälde Alpleben neu zu rahmen – das einzige noch existierende Triptychon Ernst Ludwig Kirchners. Ausgangspunkt war ein altes Schwarzweissfoto, das die originale, vom Künstler selbst bestimmte Rahmung nur zum Teil und sogar noch in Perspektive zeigt. Auf der Basis unserer langen Erfahrung auf dem Gebiet der Rahmenrekonstruktion und einer umfangreichen Materialsammlung zum Thema machten wir uns an die Arbeit.
Unsere Münchner Werkstatt befasst sich seit über 20 Jahren ausschließlich mit Bilderrahmen. Mein Interesse für originale künstlerische Rahmenlösungen ist begründet durch meine Arbeit in einer führenden Galerie für den Deutschen Expressionismus und die Klassische Moderne während des Studiums; da ich später selbst eine Galerie hatte, sind mir auch der Austausch mit zeitgenössischen Künstlern und ihre Sichtweisen immer wichtig gewesen. In der Rahmengeschichte lässt sich ja erst spät ein Einfluss der Künstler auf ihre Bilderrahmen feststellen; nennenswerte Beispiele gibt es erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ich spezialisierte mich auf die Zeit des Expressionismus, da sich hier höchst unterschiedliche, individuelle Rahmungen finden, etwa bei Karl Schmidt-Rottluff, Emil Nolde und eben Ernst Ludwig Kirchner. Die Künstler wählten keine industriell gefertigten Rahmen, sondern ganz einfache "Bretterrahmen": meist aus Nadelholz, mit Astlöchern versehen, die Maserung erkennbar, nicht traditionell echtvergoldet, sondern mit einfacher Goldbronze oder Malfarbe gestrichen – passend zu dem unmittelbaren Ausdruck und der Farbintensität ihrer Gemälde. Leider sind, wohl gerade wegen ihrer Einfachheit, diese Rahmen häufig von den Bildern getrennt worden, da mit der zunehmenden Anerkennung der Künstler und einhergehenden Wertsteigerung ihrer Werke ein neuer Blattgoldrahmen im Renaissancestil für den Handel hochwertiger erschien. Bis heute werden in Publikationen in den seltensten Fällen Originalrahmen mit den Gemälden abgebildet, obgleich sie von den Künstlern als untrennbare Einheit verstanden wurden.
Über viele Jahre hinweg haben wir in Museen, Privatsammlungen, Ausstellungen und Archiven Beispiele für Originalrahmen des Expressionismus dokumentiert. Dokumentieren meint hier nicht wissenschaftlich-theoretisch, sondern handwerklich-sinnlich: Rahmen mit Bildern fotografieren, Profile vermessen, Holzarten bestimmen, Holzbearbeitungsspuren sichten, Fassungen optisch analysieren und vieles mehr. Bei den interessantesten Vorlagen führte dies in der Konsequenz auch zum Nachbau von Rahmen in Form von grossen Musterwinkeln. Dies geschah alles ohne konkrete Aufträge, ermöglicht uns heute aber bei Rahmungen von Bildern aus dieser Zeit den Rückgriff auf einen bedeutenden Material- und Wissensfundus. Bei unserem Team handelt es sich um ein ganzheitliches Werkstatt-Konzept, das heute Seltenheitswert hat: Vom Schreiner über den Glaser, Holzbildhauer, Vergolder, Buchbinder und Architekten bis hin zum Kunsthistoriker und Künstler sind die unterschiedlichsten Gewerke unter einem Dach versammelt. Bei unserem Schwerpunkt, der Rahmung von Gemälden des Expressionismus, haben wir auch die Möglichkeit erkundet, mit Originalrahmen aus früheren Jahrhunderten, vor allem spanischen Rahmen aus dem 17. Jahrhundert, zu arbeiten. [1] Die Rekonstruktion eines originalen Rahmens jedoch bleibt eine besondere Herausforderung, gerade bei einem so aussergewöhnlichen Werk wie Kirchners Alpleben.

 

1 WERNER MURRER RAHMEN, Rahmenkunst am Beispiel expressionistischer Meisterwerke, Konstanz 2006

Siehe auch dazu den Blogbeitrag

 

Publikation anlässlich der Ausstellung IM HERZEN DES MUSEUMS 01: SAMMELN, Kirchner Museum Davos, hrsg. von Karin Schick.

Deutsch/Englisch
29 Seiten mit Abb.
Broschur

ISBN: 978-3-9523144-3-2

 

alpleben in neuem kleid cover
 

 

 

alpleben in neuem kleid auszug 1

 

alpleben in neuem kleid auszug 2