Vortrag
28.06.2018

Der Rahmen als Markenzeichen bei Kirchner

»Nun, die Fabrikmarke meiner Kunst ist E.L. Kirchner und nichts weiter«1, mit diesen Worten verteidigt Kirchner sich selbst und seine Kunst gegen den Überbegriff und die allgemein künstlerische Einordnung Expressionist. Kirchner macht sich selbst zum Markenzeichen, das es zu vermarkten gilt. Eine Marke braucht auch eine passende Verpackung. Ist »E.L. Kirchner« die Marke für seine Kunst, so ist die markenspezifische Verpackung die von ihm selbst gestaltete und gefasste Rahmung für seine Gemälde. Aus Briefen ist bekannt, dass Bilder ohne die entsprechenden Rahmen für Kirchner nicht denkbar sind. So schreibt er am 5. Oktober 1937 an Lucas Lichtenhan, den Leiter der Baseler Kunsthalle: »Ungerahmte Bilder gebe ich niemals auf Ausstellungen, das geht bei meinen Arbeiten nicht. Wenn ich etwas mache, so recht und so gut als irgend möglich, sonst lieber nicht.«2 Bild und Rahmen bilden für Kirchner eine Einheit. Ist die Rahmung eines Werks unvollendet, verzichtet er lieber auf die Teilnahme an einer Ausstellung, als ein unvollständiges Werk zu präsentieren. Weiter heißt es einige Tage später, am 23.10.1937, erneut an Lichtenhan: »Ist es nicht besser, die Ausstellung zu verschieben auf nächstes Jahr. Mir wäre es sicher ebenso lieb. Ich muss so einige Bilder weglassen, da die Rahmen nicht trocknen.«3 Diese Briefzitate sind späte Zeugnisse für die Bedeutung von Rahmen für Kirchners Werke, er hat sich jedoch zeitlebens mit Rahmenentwürfen und deren selbst ausgeführter Fassung beschäftigt. Die Rahmen der Brücke Künstler sind bereits während der Brücke Zeit von 1905 bis 1913 frühe Beispiele für Künstlerrahmen und zeichnen sich zusätzlich durch ihre individuelle Gestaltung innerhalb der Gruppe aus. Kirchner legte nicht nur großen Wert auf seine Rahmenfassungen, er setzte dabei auch auf große Originalität, weshalb bei ihm vermutlich keine Rahmen mit geschnitzter Verzierung bekannt sind. Ornamentale, bildhauerische Rahmengestaltungen haben bereits andere Künstler, wie Emil Nolde oder Karl Schmidt-Rottluff verwendet. Für Kirchners Rahmengestaltung typisch ist eine Fassung in grünlicher Goldbronze, die er passend zum jeweiligen Bild farblich übertönte. Das »Mädchen im Südwester« von 1912/1920 oder auch »Skizzierender Künstler mit zwei Frauen« von 1913 sind als Beispiele hierfür zu nennen. Zur Werbe- und Verkaufsstrategie gehört allerdings auch die Bereitschaft zur Verhandlung, um auf den Geschmack des Kunden oder des Händlers einzugehen. Hinsichtlich seiner bevorzugten Bronzefassung schreibt Kirchner an den Sammler Carl Hagemann :»Ich will Ihnen gern Entwürfe zeichnen. Ich glaube ja, dass grüngold immer am besten aussieht um die Bilder, aber der Rahmen richtet sich ja auch nach der Wohnung.«4 Die Beispiele und die entsprechenden Belege für das Zusammenspiel und die Zusammengehörigkeit von Bild und Rahmen bei Kirchner, was unweigerlich Auswirkung sowohl auf die Rahmenprofile als auch auf die Fassungen hat, sind zahlreich. Kirchner steht damit nicht nur für die Vermarktung seiner selbst, sondern stellvertretend für eine innovative Bewegung in der Kunst zu Beginn des 20.Jahrhunderts. Die Brücke Künstler suchen und finden ihren eigenen »Weg aus dem Goldrahmen«5.

 

Der Blick auf ihre Werke verändert sich und wird sensibilisiert hinsichtlich der Gesamtkomposition Bild und Rahmen. Diese Innovation bietet genug Anschauungsmaterial, um die Rahmen der Brücke Künstler in einer Ausstellung zum Thema zu machen. In Zusammenarbeit mit dem Brücke Museum in Berlin und dem Buchheim Museum in Bernried rückt im Herbst 2019 die Brücke und ihre Rahmen kuratiert von WERNER MURRER RAHMEN ins Zentrum. Die Werke und Originalrahmen Ernst Ludwig Kirchners tragen einen bedeutenden Teil dazu bei.

 

1 Brief von Kirchner an Georg Schmidt vom 26.08.1924, zit. nach: Krämer, Felix: E. L. Kirchner – Die Fabrikmarke meiner Kunst, S. 110, in: Ernst Ludwig Kirchner. Hieroglyphen, hg. von Joachim Jäger, Berlin 2016, S. 108-111

2 Ernst Ludwig Kirchner. Der gesamte Briefwechsel, hg. von Hans Delfs, Zürich 2010, Nr. 3410

3 Ebd., Nr.3426

4 Brief von Ernst Ludwig Kirchner an Carl Hagemann vom 25.10.1916, in: Kirchner, Schmidt-Rottluff, Nolde,Nay… Briefe an den Sammler und Mäzen Carl Hagemann, hg. von Hans Delfs u.a., Ostfildern-Ruit 2004, S. 70

5 Traber, Christine: In Perfect Harmony? Entgrenzungen in der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts, S. 234, in: Mendgen, Eva (Hrsg.): In Perfect Harmonie. Bild + Rahmen 1850-1920, Amsterdam u.a. 1995, S.221-248